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Berliner Lust und spitze Schwoba-Lyrik

 

Bei „Kultur in der Kelter“ sorgten Uta Scheirle, Kai Müller und Johann Martin Enderle für die komische Versöhnung scheinbarer Gegenwelten

 

NECKARTAILFINGEN – Nein, es war nicht unbedingt der Abend, wo Blätter vor den Mund genommen wurden: Weder das Duo Uta Scheirle und Kai Müller mit ihren Chansons der Zwanziger bis Vierziger Jahre noch der so gütig scheinende Dieter Adrion alias Johann Martin Enderle machten auf ihre jeweils ganz eigene Weise einen Bogen um Wahrheiten des Alltags bei ihren Auftritten in der Neckartailfinger Kelter. Dem Publikum im ausverkauften Saal gefiel diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Mixtur aus Berliner Lust und feinsinniger, schwäbischer Lyrik mit treffenden Spitzen.

 

RALPH GRAVENSTEIN

 

Kann das gut gehen, zwei offenbar so gegensätzliche Konzepte in einen gemeinsamen Abend zu verpacken? Uta Scheirle und Kai Müller mit bisweilen frivolen, stets bissigen Chansons und Couplets, vornehmlich aus dem Berlin der „goldenen Zwanziger“, und der schwäbisch-lyrische Mundart-Kabarettist Johann Martin Enderle auf einer Bühne? Auf dem Podium der Neckartailfinger Kelter ging es gut, oder besser: Man fragte sich, warum da nicht schon früher jemand drauf gekommen ist. Traute Hörner, die Organisatorin der Veranstaltung war sich ihrer Sache da schon zu Beginn des Abends sehr sicher, als sie die 120 Gäste im restlos ausverkauften Saal begrüßte.

Und dann ging es los: Kai Müller am Flügel bereitete einer bestens aufgelegten Uta Scheirle den musikalischen roten Teppich, den sie schon auf dem Weg zur Bühne singend-frivol beschritt: „Warum soll ich treu sein, wo ich doch so gerne eine Dummheit mach’“ bekannte sie und steckte damit gleich das Revier ab, das den ersten Teil des Abends ausmachen sollte. Mal mit klarer, heller Stimme, mal gurrend und seufzend, dann wieder stöhnend und immer kess machte sie der weiblichen Hälfte des durchweg amüsierten Publikums klar, dass man in der Liebe durchaus auch mal Fünfe gerade sein lassen darf, empfahl gar Pianist Kai Müller als versierten Partner für heimliche Stunden oder träumte gar von einem Neandertaler, der so anders sei als das, was die Männerwelt sonst so zu bieten habe.

 

Wie schwer würde es nach so frivol-frecher Stimmung ein Johann Martin Enderle haben, der eigentlich Dieter Adrion heißt und sich als Mundart-Kabarettist eher auf die kritisch-komischen Töne verlegt hat? Gar nicht, wie sich zeigte: Seine gereimten Spitzen zum Sujets vom Konjunkturpaket über Barack Obama bis hin zur schwäbischen Dialektik und den Freizeitproblemen eines hiesigen Rentner Ehepaars zündeten ganz frei vom Einfluss des Vorangegangenen in brillanten Pointen. Sein Feuerwerk aus heimischem Sprachwitz schreckte auch nicht vor der schier besinnungslos machenden Rezitation von „Denglisch“-Auswüchsen zurück und flocht auch einen vergnüglichen Exkurs über den schwäbischen Urlaut „å“, der in Ausdrücken wie „wia gåht’s“ unverzichtbar sei. Die typische Nach-Theaterbesuch-Frage „Wo ganga mr nå nå no nå?“ stellte sich indes noch nicht: Denn nach der Pause legten Uta Scheirle und Kai Müller noch einmal nach, und stand zuvor die Frau als glitzerndes Juwel der Selbstbestimmtheit im Zentrum der Chansons, so rubbelte das Duo nun genauso kess ein wenig vom zuvor beschworenen Glanz wieder herunter von dem Edelstein. „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“ sang Uta Scheirle da etwa hinreißend nörgelnd, nachdem Kai Müller für ein gesungenes, gleichwohl offensichtlich nicht ganz wahrheitsgemäßes Liebesgeständnis seiner Partnerin den Platz am Flügel überlassen hatte. Die verlor sich dann in Oden an den „Mann, der vor Dir war“ oder nahm sich augenzwinkernd-singend der Vorteile eines älteren Manns als Lebensgefährten an.

Die widerlegte Johann Martin Enderle dann jedoch, etwa mit der Rezitation eines Gedichts von Sebastian Blau über die Sparsamkeit des lang verheirateten Schwaben beim Küssen. Die schwäbische Kulinarik erhielt da neben der körperlichen Zwischenmenschlichkeit schon mehr Gewicht, wie sich bei Enderles „Passionsgeschichte des Spätzles auf dem Seiher“ erwies. Überhaupt sei dem Schwaben die Körperlichkeit wohl in späteren Lebensjahren eher fremd, wie der augenzwinkernd Reimende mit den Erlebnissen eines Paars bei einer gewagten Modenschau schilderte.

Es waren also scheinbar komplette Gegensätze, die sich da auf der Bühne begegneten: Hier die besungene Berliner Lust, da die gebremste Sinnlichkeit der schwäbischen Provinz. Dennoch funktionierte dieser Abend bestens, stellte er doch klar, dass die kleinen Alltäglichkeiten auch der unterschiedlichsten Lebenswelten immer für einen Lacher gut sind. Das belegten die drei Künstler sogar mit einer gemeinsamen Zugabe: Die tragische Mär von der Loreley, gesungen von Uta Scheirle, münzte Johann Martin Enderle im Nachgang in die gereimte Fassung mit „der Lore Bleyle“ um, die statt am Rhein ihr Unwesen an der Neckarschleife getrieben habe.

 

   

Kai Müller und Uta Scheirle bildeten mit ihrem Chanson-Programm nur scheinbar einen Gegensatz zum Mundart-Kabarettisten Johann Martin Enderle: Auf ihre eigene Weise nahmen sie all drei gekonnt die kleinen Alltäglichkeiten auf die Schippe. rg

 

 

Mal gurrend, mal seufzend und immer mit frechem Funkeln in den Augen servierte Uta Scheirle gesungene Spitzen – sowohl im textil-erotischen wie im übertragenen Sinn. rg

 

 

Johann Martin Enderle verpackte seine brillanten Pointen in gekonnte Reime und begeisterte damit das Publikum in der ausverkauften Neckartailfinger Kelter. rg

 



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